Diesen Satz im Gutachten zu lesen, ist entmutigend:

“The manuscript requires extensive English language editing before it can be considered for publication.”

Der erste Impuls: ein Grammatikprogramm laufen lassen oder einen englischsprachigen Kollegen um Durchsicht bitten. Doch viele Autoren erhalten denselben Kommentar bei der nächsten Einreichung zurück.

Der Grund: Wenn Gutachter von einem „Sprachproblem” sprechen, meinen sie fast nie Grammatikfehler. Das eigentliche Problem liegt in der Darstellung wissenschaftlicher Argumente: in der Präzision der Aussagen, der Logik des Aufbaus und der Kohärenz zwischen den Abschnitten. Das erkennt kein Grammatikprogramm, weil jeder einzelne Satz grammatikalisch korrekt sein kann.

Dieser Leitfaden behandelt fünf typische Schreibprobleme in englischen Manuskripten deutschsprachiger Forscher, mit konkreten Überarbeitungsbeispielen.


1. Übertriebene Behauptungen (Overstatement)

Im deutschen Wissenschaftsstil ist es üblich, die Relevanz und Neuartigkeit der Forschung deutlich herauszustellen. In englischsprachigen Fachzeitschriften, besonders im gehobenen Bereich, reagieren Gutachter jedoch sehr sensibel auf Behauptungen, die über das hinausgehen, was die Daten stützen.

Typisches Original:

Our results demonstrate that protein X is the key regulator of pathway Y and will provide a new therapeutic target for disease Z.

Probleme:

  • “demonstrate” impliziert eine Gewissheit, die eine einzelne Studie nicht liefern kann; “suggest” oder “indicate” ist angemessener
  • “key regulator” erfordert mehrere unabhängige Belege
  • “will provide” stellt eine Vorhersage als Tatsache dar

Überarbeitet:

Our results suggest that protein X plays an important role in regulating pathway Y, which may have implications for the development of therapeutic strategies targeting disease Z.

Regel: Ersetzen Sie “demonstrate / prove / confirm” durch “suggest / indicate / support”, wo Ihre Daten wahrscheinliche Schlussfolgerungen ziehen, keine absoluten Beweise liefern. Auch in Nature- und Cell-Artikeln steht regelmäßig “suggest”. Dies ist die korrekte Ausdrucksweise im wissenschaftlichen Englisch.


2. Zu komplexe Satzstrukturen und Nominalisierung

Der deutsche Schreibstil neigt zu langen, verschachtelten Sätzen und zur Nominalisierung, also dem Ersetzen von Verben durch Substantive. Beides überträgt sich häufig ins Englische und erschwert die Lesbarkeit erheblich.

Typisches Original:

The performance of the analysis of the samples led to the observation of a significant increase in the expression levels.

Probleme:

  • Dreifache Nominalisierung (“performance,” “analysis,” “observation”) statt direkter Verben
  • Der Satz ist unnötig lang und verschleiert das eigentliche Geschehen

Überarbeitet:

Analysis of the samples revealed a significant increase in expression levels.

Weiteres Beispiel: Schachtelsatz:

Original: “The cells, which were treated with the drug, which had been dissolved in DMSO at a concentration of 10 mM before being diluted to the final working concentration, were incubated for 48 hours.”

Überarbeitet: “The drug was dissolved in DMSO (10 mM stock) and diluted to the working concentration before treatment. Cells were then incubated for 48 hours.”

Regel: Im wissenschaftlichen Englisch gilt: ein Gedanke pro Satz. Nominalisierungen auflösen: aus “the performance of the experiment” wird “we performed the experiment.”


3. Fehlende Verbindung zwischen Absätzen

In deutschen wissenschaftlichen Texten werden Argumente oft ausführlich entwickelt, bevor die Schlussfolgerung gezogen wird. Im englischen Diskussionsteil erwartet der Leser hingegen, dass die Kernaussage am Anfang jedes Absatzes steht und die Verbindung zum vorigen Absatz explizit gemacht wird.

Typisches Original:

Our study found that gene A expression was significantly upregulated in tumor tissue. Previous studies have reported that gene A is involved in cell proliferation. The inhibition of gene A reduced tumor growth in our mouse model.

Problem: Drei Fakten nebeneinander, ohne dass ihre logische Beziehung zueinander explizit gemacht wird.

Überarbeitet:

Our study found that gene A expression was significantly upregulated in tumor tissue, consistent with its previously reported role in promoting cell proliferation. Importantly, pharmacological inhibition of gene A reduced tumor growth in our mouse model, suggesting that this upregulation is functionally relevant to tumor progression.

Regel: Englische Diskussionsabsätze folgen dem Muster: Befund, Einordnung in die Literatur, Bedeutung. Verbindungswörter wie “consistent with,” “importantly,” “in contrast,” “taken together” machen die Logik explizit.


4. Inkonsistente Terminologie

In gemeinsam verfassten oder aus mehreren Entwürfen zusammengeführten Manuskripten taucht dasselbe Konzept häufig unter verschiedenen Namen auf. Für Gutachter ist das ein Warnsignal.

Typisches Beispiel:

AbschnittVerwendeter Begriff
Abstracttumor microenvironment
Einleitungcancer microenvironment
ErgebnisseTME
Diskussionthe microenvironment of the tumor

Überarbeitungsstrategie:

  1. Einen Hauptbegriff pro Konzept festlegen und durchgehend verwenden
  2. Abkürzungen beim ersten Auftreten definieren: tumor microenvironment (TME); danach nur TME
  3. Schreibweise von Gennamen, Proteinnamen und Zelllinien (Kursivschrift, Groß-/Kleinschreibung) im gesamten Manuskript vereinheitlichen

5. Vage Formulierungen

Unspezifische Adjektive und Adverbien untergraben die wissenschaftliche Präzision eines Manuskripts. Im englischen Wissenschaftsstil sollte jede bewertende Aussage durch konkrete Daten oder einen expliziten Vergleich belegt sein.

Typisches Original:

The expression level of protein X was relatively high in the treatment group, and the difference was quite significant.

Probleme:

  • “relatively high”: im Vergleich wozu?
  • “quite significant”: statistisch signifikant? Biologisch relevant? Nach welchem Test?
  • Keine Quantifizierung

Überarbeitet:

Protein X expression was 3.2-fold higher in the treatment group compared to the control (p < 0.01, Student’s t-test), a difference that remained significant after correction for multiple comparisons.

Regel: Überall, wo “relatively / quite / somewhat / rather / very / important” steht, fragen: Kann das durch eine konkrete Zahl oder einen Vergleich ersetzt werden? Falls ja, ersetzen. Falls nein, streichen.


Checkliste vor der Einreichung

  1. Suche nach “demonstrate,” “prove,” “confirm”: werden diese Begriffe durch ausreichende Daten gestützt? Falls nicht, ersetzen durch “suggest,” “indicate,” “support”
  2. Ersten Satz jedes Diskussionsabsatzes prüfen: wird die logische Verbindung zum vorherigen Absatz explizit gemacht?
  3. Alle Bezeichnungen für jeden Schlüsselbegriff suchen: Terminologie und Abkürzungen vereinheitlichen
  4. Alle Adjektive prüfen: folgt auf “high / significant / important” eine konkrete Zahl oder ein Vergleich?
  5. Schlussfolgerung lesen: bleibt sie im Rahmen dessen, was die Daten wirklich belegen?

Wenn Sie diese Punkte durchgearbeitet haben und sich noch unsicher sind, ob die Sprache Ihres Manuskripts dem Standard der Zielzeitschrift entspricht, senden Sie beliebigen Abschnitt (bis zu 500 Wörter) an contact@scholarmemory.com. Ich sende Ihnen eine kostenlose Probekorrektur, mit der Sie den Überarbeitungsbedarf des gesamten Manuskripts einschätzen können.